Shida Bazyar: Kalkuliertes Vergessen
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Irgendwann kommt man auch in dem ehemaligen »Gaumusterdorf« im Hunsrück nicht umhin, sich mit der Zeit zu beschäftigen, in der ein solcher Titel vielen Bewohnern und Bewohnerinnen als Auszeichnung galt und bald mit dem Zusatz »judenfrei« versehen werden konnte. Anfang der Siebzigerjahre feierte man die Stadtwerdung – in Anwesenheit des damaligen rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten, der, das nebenbei, als Bundeskanzler später die Gräber von Angehörigen der Waffen-SS besuchen sollte. Aus diesem Anlass veröffentlichte man eine Ortschronik, in der der »Reichskristallnacht« zwei Seiten gewidmet sind. Vorbildlich, oder etwa nicht?
Mittlerweile schmückt sich Deutschland gerne mit dem Titel Erinnerungsweltmeister, gleichzeitig schielt eine Partei nach der Macht, die eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad propagiert. Auf die Frage, wie beides zusammenhängt, antwortet Shida Bazyars Roman »Die Lücken«, für den sie eben den Deutschen Buchpreis erhalten hat: nicht nur der Roman des Jahres, sondern angesichts der laufenden Ereignisse auch ein Roman der Stunde – obwohl er weit in die Vergangenheit zurückgreift.
Die Gedächtniskultur hat Lücken. Und am Ende sind es diese Lücken, durch die hereinströmt, was wir gerade erleben. Denn das Problem ist nicht ein Zuviel an Gedächtnis, sondern ein Zuviel an kalkuliertem Vergessen. All dies ist nicht neu, ein nicht geringer Teil der Gegenwartsliteratur arbeitet sich an der Verdrängungsleistung ab, die mit Bewältigungs- und Aufarbeitungssignalen wie der erwähnten Chronik, nur allzu gut vereinbar war.
Um zu ergründen, was dabei verschwiegen wird, hat Shida Bazyar, deren Eltern als kommunistische Dissidenten 1987 aus dem Iran geflüchtet sind, ihren Geburtsort zum Romanschauplatz gemacht. Zumindest hat das reale Hermeskeil mit dem erfundenen Heimersbach vieles gemeinsam: Den gescheiterten Volksschullehrer, der 1926 die Ortsgruppe der NSDAP gegründet hat, Spitzname »Giftpilz«, an dessen Gift sich viele so gierig berauscht haben, dass zu Zeiten der beschönigend mit »Reichskristallnacht« überschriebenen Novemberpogrome von 1938 nur noch elf Mitglieder der jüdischen Gemeinde im Ort lebten. Neun von ihnen wurden später ermordet, wie die meisten der 45 Juden und Jüdinnen, die in dem 3000-Einwohner-Dorf einmal gewohnt, gearbeitet, Freundschaften gepflegt haben: Landwirte, Tierärzte, Ladenbesitzer. Im Roman treten sie unter ihren realen Namen auf.
Wie gelingt es, ihre Geschichten wieder zum Leben zu erwecken? Die zentrale moralische Frage im Kontext des Erinnerns findet auf der ästhetischen Ebene ihre Lösung. Shida Bazyar hat sich dafür jemanden an die Seite geholt, der nicht an die Grenzen zwischen Diesseits und Jenseits gebunden ist, der Innen und Außen durchdringen kann. Es ist die Stimme einer jungen Migrantin, die als Kind mit ihrer Familie kurz in Heimersbach lebte, später in den USA, schließlich nach Kanada ging und bei einem Verkehrsunfall starb.
Als Geist kehrt sie in das Dorf zurück, um ihrer Schwester zu erzählen, was man erfährt, wenn man hinter die Fassaden von Raum und Zeit blicken kann. Ihr kommt zugute, dass sie sich in den Köpfen ihrer Figuren ebenso gut auskennt wie in den Archiven. Sie ist innigst vertraut mit den Problemen der heute in dem Ort lebenden Familien, die vor Krieg und Gewalt aus ihren Ländern geflohen sind; sie fühlt den doppelten Schmerz von Verlust und Fremdheit, beherrscht mit linguistischer Präzision den lokalen Dialekt und vernimmt zugleich die subtilen Nuancen auf der Klaviatur der Ausgrenzung. Vor allem aber weiß sie, was all dies mit dem zu tun hat, was hier einmal geschehen ist. Und beseelt von geisterhafter Einfühlung wie dokumentarischer Tiefenschärfe treten Gestalten ins Licht, die von Fall zu Fall umso gespenstischer werden, je gewöhnlicher und glaubwürdiger sie erscheinen – unheimliche Nachbarschaften.
In scharfen Zeitschnitten über ein Jahrhundert hinweg verfolgt der Roman ihre Entwicklung: Beim Gang durch das Dorf stößt eine von ihnen, die längst aufgehört hat die vormals beste jüdische Freundin zu grüßen, auf die spontane Versteigerung des Hausrats frisch vertriebener, inhaftierter oder deportierter ehemaliger Mitbürger: »Dass man das direkt hier im Ort verkauft, das passiert ja wirklich selten, da kann man ja von Glück sprechen, dass das nicht nach Trier gebracht worden ist, sondern dass man endlich auch mal selbst was davon hat.« Wie hier die ganze banale Profitlichkeit hinter dem Bösen aufblitzt, so bricht sich in den geschliffenen Alltagssplittern dieses mentalitätsgeschichtlichen Kaleidoskops Menschliches im Unmenschlichen.
Die einen tragen an der Last ihres Gewissens schwer, wie die Verkäuferin Rita, die ihren wohlmeinenden jüdischen Chef nach seiner Enteignung einst wie Petrus verleugnet hat. Die anderen haben ihre Schuld längst entsorgt, Hitlerbilder in Schubladen verschlossen, Abzeichen an Devotionalienhändler verhökert oder ihr angebliches Nichtwissen – die Kardinallüge allen Mitläufertums – in Kneipenabenden unter ehemaligen Parteigenossen mundgerecht zerkleinert und verschluckt: »Das war doch unsere Jugend«.
Doch es geht nicht nur um die Lücken der Anderen. Der Roman mutet den Lesenden zu, die Leerstellen selbst zu füllen. Der Geist der Erzählung stimuliert das geistige Vermögen, sich das Ausgesparte vorzustellen. In dieser Form des Beteiligtseins werden abgelegte Wissensbestände zu bestürzend unmittelbarer Erfahrung. Indem der Roman die Motivationsstruktur kollektiver Amnesien aufdeckt, zeigt er zugleich, wie bereitwillig gerade wieder vergessen wird, wie sehr das Asylrecht, das die aus dem Iran geflüchteten Familien in dem ehemaligen »Gaumusterdorf« in Anspruch nehmen, eine direkte Konsequenz dessen ist, was die jüdische Minderheit dort einmal erleiden musste.
In ihrer Dankesrede für den Deutschen Buchpreis hat Shida Bazyar den Zwiespalt artikuliert, sich über die Würdigung von etwas zu freuen, das durch und durch Unerfreuliches zum Gegenstand habe: die Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung von Menschen. Aus dem gleichen Grund könnte man zögern, diesen Roman beglückend zu nennen. Aber das eben ist das Vermögen großer Literatur: dass sie glücklich macht, auch wenn sie vom Gegenteil erzählt. In dieser Form ausgleichender poetischer Gerechtigkeit liegt ihr Einspruch gegen eine Wirklichkeit, in der schwelender Antisemitismus und Rassismus wieder zu lodern beginnen und ein rechtsextremer Duftverkäufer in Deutschland auf dem Sprung ist, Ministerpräsidenten zu werden.
Shida Bazyar: »Die Lücken«. Roman. Kiepenheuer&Witsch. 512 Seiten, 25 Euro